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Donnerwetter! Was eine Galotti!

FFS-Theatergruppe hält den Spiegel vor

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In einem Satz: Nie war die Theatergruppe der Friedrich-Fischer-Schule so überzeugend wie in der Saison 2017/2018.

Im Schulhof an der Goethestraße 5 gaben die von OStR Friedemann Müller zu Höchstleistungen inspirierten Schülerinnen und Schüler zum Ende des Schuljahres zwei Aufführungen des Trauerspiels „Emilia Galotti“ von Gotthold Ephraim Lessing. Vor bald 250 Jahren traf die Geschichte einer sittlich-moralisch gefestigten Bürgerlichen, die letztlich doch ins Mahlwerk von höfischen Intrigen und teuflischen Macht- und Ränkespielen gerät, die Adelsgesellschaft ins Mark und die Bürgerlichen ins Herz. Damals blieb man bei Hofe noch gerne unter sich, wenn Aufklärer wie Lessing den Mächtigen, aber auch den scheinbar Ohnmächtigen den Spiegel vorhielten. Und doch konnten höchste Mauern des Schweigens und Verschweigens nicht verhindern, dass alle Welt ahnen, hören und sehen konnte, dass „etwas faul ist im Staate Dänemark“, wie es schon in Shakespeares Hamlet treffend heißt.

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Schreiendes Unrecht

Unrecht, Intrige, Korruption, Lieb- und Respektlosigkeit, Selbstsucht, Machtmissbrauch und hundsföttische Niedertracht, sie kommen an die Sonnen, gleich wie fein sie gesponnen sein mögen.

So auch in Lessings Emilia Galotti. Noch heutigentags besteht gerne das Missverständnis darüber, dass es in der Galotti ja eh nur um die Verderbtheit der Mächtigen gehe und um die unschuldige Liebe eines braven Mädchens. Und alle Zeitzeugen wussten und wissen doch schon immer, dass es um mehr, eben um die ganze Menschenzivilisation geht. Denn die Humusschicht des Humanen über dem Bestialischen ist dünn.

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Bezwingende Verführungskunst

Was wäre dann also das Besondere an der Aufführung der FFS-Theatergruppe, wenn es die Transformation ins 21. Jahrhundert nicht sein kann. Und in den 250 Jahren, die die Botschaft Lessings nun in der Welt ist, hat sich so viel mehr Humanum wahrlich nicht über die Bestialität der Menschen gelegt. Zeitgenössische Tyrannen, Diktatoren oder Populistinnen und Populisten beherrschen das Handwerk der Menschenverachtung nicht weniger gut als die Potentaten vergangener Jahrhunderte.

Die Freiheit alleine macht es, dass wir Glücklichen, wir Zuschauer und Zeitzeugen denen in den Arm fallen können, die Macht gewonnen oder an sich gerissen haben und sich dann anschicken, missbräuchlich damit umzugehen.

Da gibt es bei Lessing den Prinzen Hettore Gonzaga, dem die Macht in die Wiege gelegt ist und den D´Shawn Scheuplein in der Aufführung der FFS-Theatergruppe textsicher und gefährlich kindisch gibt. Ein großes Kind eben, das Roboter spielt und sich am Ende neben das von ihm zu verantwortende Verbrechen stellt und ganz frech auf die anderen zeigt.

Und da gibt es bei Lessing den Intriganten und Emporkömmling Marinelli, der seine Großartigkeit und teuflisch geniale Niedertracht um so viel mehr zelebriert, als die Umstehenden ihn nicht beachten. Janett Keilholz ist „die Marinelli“. Und die Not mit der Besetzung männlicher Rollen, sie bringt in der Inszenierung von Friedemann Müller ein Talent zum Vorschein und zur reife, das man an vielen Profibühnen so nicht finden mag. Die Keilholz ist präsent, sie spielt mit dem Text, mit dem Prinzen und mit dem Publikum. Sie spielt mit Text und mit Mimik und Gestik – das ist zum Niederknien, das ist höchste und gefährlichste Verführungskunst.

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Weit und breit kein Heimchen am Herd

Emilia Galotti ist das brave Kind angesehener Bürger in Gonzagas Fürstentum Guastalla. Anna-Lena Knorrl stellt sie dem Publikum als süße Naive, als gelegentlich etwas schrilles Girlie oder als von gnadenlosem Ethos angetriebene junge Frau vor, die Eros und Thanatos in sich trägt und sich in ihrer Zerrissenheit der vermeintlich besseren, weil bürgerlichen Moral ergibt – bis in den Tod.

Aber auch ihre Mutter, Claudia Galotti, gut aufgelegt von Denise Spendel gegeben, ist kein Heimchen am Herd. Sie fühlt sich geschmeichelt, dass der staubtrockene Graf Appiani um die Tochter anhält und übersieht geflissentlich, dass sie ihr Kind in eine Ehe manövriert, die der ihren mit Odoardo Galotti schon im Auftakt frappierend ähnlich sieht.

Wenn Marcel Zimmermann als Appiani nach einem Streit mit Marinelli davon spricht, dass sein Blut in Wallung geraten sei, gibt es Lacher von den Rängen. Ja, das ist urkomisch, wie Appiani verdruckst über die Bühne stakst und dabei ganz die jüngere Ausführung von Emilias Papa ist.

Köstlich ist dann auch das Original. Luca Schüll als Odoardo Galotti im gelben Pullunder, man schmeißt sich weg und betet, dass Odoardo wenigstens schnell sein Jackett wiederfinden möge.

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Auftritt Gräfin Orsina, bitte

Gräfin Orsina, die abgeliebte Geliebte des Prinzen. Sie wird ja immer schon gerne als Femme fatal mit Hang zur Rachegöttin interpretiert. Und als solche tritt sie auch in der Aufführung der FFS-Theatergruppe in Erscheinung. Julia Michalik ist eine sensationelle Orsina. Es muss geschrieben werden, auch wenn es in Zeiten von politischer Korrektheit, Emanzipation und Gender-Gerechtigkeit nicht um die Befindlichkeiten älter oder auch jüngerer sabbernder Männer gehen kann. Dennoch, diese Orsina ist schön, leidenschaftlich, intelligent, eiskalt und berechnend. Respekt und Hochachtung für diese packende schauspielerische Leistung.

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Herz doch nur in der Hose

Ja, und selbst am Ende kommt nicht alles, wie es nach Lessing kommen müsste. Der Prinz kommt zu Tode und fällt unter die Hände seines Volkes. Das sucht, ob da doch noch was bliebe, geblieben ist, was man Anstand, Respekt oder Herz nennen darf.

Aber nein, in der Eingeweideschau stellt sich heraus: Der Prinz hatte kein Herz, und wenn doch, dann trug er es wohl eher in der Hose als in Brust und Gemüt.

 

Bleibt nur noch festzuhalten: Wer diese Aufführung der Emilia Galotti nicht gesehen hat, hat den wesentlichen Lehr- und Lernstoff des Schuljahres 2017/18 verpasst.


Rüdiger Klein, Oberstudienrat i. BV.

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